Der Forscher als Comic-Held

Wissenschaft grafisch begleiten

Vom 28.06. bis 30.06.2017 fand im Forum Merzhausen die Internationale BrainLinks-BrainTools Konferenz statt. Forscher aus aller Welt diskutierten dabei Fragen rund um das Thema Gehirn-Maschinen-Schnittstellen. Diese sind Grundlage für medizintechnische Anwendungen etwa im Bereich der Behandlung von Morbus Parkinson, Epilepsie, Depressionen oder Entwicklung von Prothetik. Neben Diskussionen und spannenden Vorträgen gab es auch eine kleine Besonderheit auf der Konferenz: Veronika Mischitz, Illustratorin und Comiczeichnerin mit Schwerpunkt auf Wissenschaftsvermittlung hat diese Veranstaltung für BrainLinks-BrainTools grafisch begleitet. Doch was hat sie eigentlich genau gemacht?! Und wie fängt man an Gehirn-Implantate und rechnergestütztes Lernen auf Papier zu bannen? Hierzu sieben Fragen an die Zeichnerin.

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Du hast während der BrainLinks-Braintools-Tagung die „Keynote-Lectures visualisiert”. Wie muss man sich das denn genau vorstellen?

Wenn man es wortwörtlich übersetzen möchte, dann könnte man meine Arbeit auch „grafische Aufzeichnung“ nennen. Ich beobachte und notiere live in Bild und Text, was auf der Veranstaltung gesprochen wird. Darüber hinaus arbeite ich Zusammenhänge heraus und verdichte die Aussagen visuell, so dass sie auch im Nachhinein in ihrer Komplexität verständlich und nachvollziehbar bleiben. Gelegentlich kommentiere ich oder lasse etwas Humor einfließen. Gerade auf Fachtagungen lädt solch ein „Graphic Recording“ zu einer neuen Art der Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Themen ein.  Dabei arbeite ich ganz simpel mit Stift und Papier. Ich bereite mich inhaltlich vor, aber die Zeichnungen sind unmittelbar, skizzenhaft und spontan. So kann ich schnell auf das Geschehen reagieren und zum Beispiel auch Stimmungen und Reaktionen einfangen. Wenn gewünscht, arbeite ich die Zeichnungen im Nachgang digital auf – wie zum Beispiel für BrainLinks-BrainTools. So entstand zusätzliches Material für den Tagungskatalog und die Website.

Zum Teil sind die Themen einer solchen Tagung ja schon sehr spezifisch. Bekommt man da überhaupt immer einen Zugang zum Vortrag? Ist der “Kreativdruck” da nicht sehr groß?
Den Zugang zum Thema bekomme ich vor allem durch ausführliche Vorbereitung. Gerade die naturwissenschaftlichen Vorträge sind so komplex, umfassend und detailreich, dass sie ohne Vorarbeit nicht zu bewältigen sind. Ich recherchiere also das Thema und überlege mir im Vorfeld bereits, an welchen Stellen ich visuell ansetzen kann. So kann ich mir einen Fahrplan erstellen, der mich durch die Fülle an Informationen leitet, die ich grafisch umsetzen möchte.
Mit Kreativdruck kann ich dahingehend nach 10 Jahren Berufserfahrung glücklicherweise gut umgehen. Mit der Zeit habe ich ein Repertoire und feste Strategien entwickelt, die mir über „Hänger“ hinweg helfen – besonders unter Zeitdruck.

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Und was soll dein Comic im Idealfall mit dem Betrachter machen?!
Erstmal soll er ihn ansprechen und unterhalten. Ich möchte ihm eine Geschichte erzählen, in die wissenschaftliche Inhalte eingewoben sind. Wenn mir Leute schreiben oder mich auf Ausstellungen ansprechen, dass sie mit Physik oder Mathe gar nichts anfangen könnten, aber jetzt durch den Comic gesehen haben, dass das ja eigentlich ganz spannend ist, dann ist das für mich wie ein Ritterschlag. Genau das wünsche ich mir für alle Comics und Themenbereiche!

Passen denn überhaupt Comics und Wissenschaft zusammen?
Absolut! Comics sind ein hervorragendes Medium, um wissenschaftliche Inhalte zu vermitteln. Ihnen wohnt eine gewisse Leichtigkeit inne. Comics erleichtern interessierten Menschen – unabhängig von deren naturwissenschaftlichen Vorkenntnissen – den Zugang zu wissenschaftlichen Themen. Letztere werden auf Augenhöhe kommuniziert ohne dabei inhaltlich Abstriche machen zu müssen.

BL_Booklet_tresco01_korrBL_Booklet_tresco02_korrAlso ist Wissenschaft zu ernst?
Nein Nein! Ich habe eher den Eindruck, dass die Wissenschaft immer ein wenig um ihre Legitimation bangen muss. Gerade Sinn und Zweck von Grundlagenforschung ist doch manchmal sehr schwierig zu vermitteln. Auf der anderen Seite wird viel Stimmung gegen Wissenschaft und Forschung gemacht und Angst geschürt. Da überlegt man sich sehr sorgfältig, wie man sich nach außen darstellt. Ich erlebe aber gerade in den letzten Jahren ein großes Interesse Seitens der Wissenschaft, in der Kommunikation neue Wege zu beschreiten. Und Comic-Formate und Visualisierungen sind momentan sehr gefragt.

Wie wär es dann, wenn ein Prof seine nächste Publikation als als Graphic Novel herausbringt?!
Oh, einige bemerkenswerte Publikationen im Comic-Format gibt es ja schon. In Deutschland haben zum Beispiel Alexandra Hamann und Reinhold Leinfelder „Die Große Transformation“ zum Thema Klimawandel und „The Anthropocene Kitchen“ herausgebracht. Nick Sousanis veröffentlichte mit „Unflattening“ seine Dissertation in Comicform und hatte damit großen Erfolg. Im Bereich Hirnforschung gibt es die Graphic Novel „Neuroscience“ von Dr. Hana Roš und Dr. Matteo Farinella. Um nur einige Beispiele zu nennen. Natürlich darf das aber gerne noch mehr werden.

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Du hast ja schon bei einer Vielzahl von sehr unterschiedlichen Projekten mitgearbeitet. Gibt es etwas was immer gleich bleibt?! Und etwas was die BrainLinks-Braintools Tagung besonders machte?
Was gleich bleibt, ist die Herausforderung ein neues wissenschaftliches Thema zu erarbeiten, zu verstehen und eine spannende Geschichte daraus zu machen. Ich lerne mit jedem Comic, mit jedem Thema, mit jedem Projekt etwas Neues. Das ist eigentlich immer so und gleichzeitig das Beste an meinem Job. Ich selbst habe in Freiburg Biologie studiert. Und es war wirklich toll, nach 10 Jahren mit einem ganz neuen Ansatz an meine alte Uni zurück zu kehren. Mir hat zudem die Interdisziplinarität der Veranstaltung sehr gut gefallen. Trotz des neurobiologischen Schwerpunktes wurden auch Themen wie Philosophie, Kommunikation und Kunst angesprochen. Die offene und positive Reaktion der „Wissenschaftswelt“ auf das Graphic Recording war natürlich auch schön und zeigt mir, dass in dieser Kombination viel Potential steckt.

Veronika Mischitz ist Diplombiologin und arbeitet hauptberuflich als freischaffende Illustratorin und Comiczeichnerin. Bekannt wurde sie mit „Klar Soweit?“, einem Wissenschaftscomic, den sie seit 2014 monatlich für die Helmholtz-Gemeinschaft konzipiere und zeichnet.  Seit dem wirkte sie bereits an einer Vielzahl von Projekten von Wissenschafskommunikation über grafisches Arbeiten mit. Etwa bei „Wissensbuffet“, „Plötzlich Wissen“ und „Wissenschaft im Dialog“. Mehr über Veronika Mischitz und Ihre Arbeit gibt es hier und hier.

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