Reblog: Bruchstücke aus der Blackbox

Foto: Jürgen Gocke

Zu unserem Projekt mit Annette Pehnt und Harald Kimmig erschien in der uni’leben, der Zeitung der Universität Freiburg, ein sehr lesenswerter Artikel mit tollem Foto!

Annette Pehnt begleitete Neurowissenschaftler bei der Arbeit und goss ihre Beobachtungen in literarische Texte

von Stephanie Streif

Wenn die Freiburger Schriftstellerin Annette Pehnt zu Hause an ihrem Laptop sitzt, dann öffnet sie ein Fenster in eine andere Welt. Fiktion ist ihr Beruf: Menschen erfinden, sie durch ihre Geschichten begleiten, den Leserinnen und Lesern schildern, was die Charaktere fühlen, wie sie denken und wer sie sind. Vergangenes Wintersemester war Pehnt als „Artist in Residence“ am Exzellenzcluster BrainLinks-BrainTools der Universität, wo die Funktion des menschlichen Gehirns erforscht wird. Sechs Monate war sie auf dem Campus der Technischen Fakultät am Flugplatz unterwegs, saß in Labors, befragte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und sah Robotern dabei zu, wie sie Befehle ausführten. Oder auch nicht. Daraus sollte sie – so lautete ihr Auftrag – Kunst produzieren.

Für Pehnt waren diese sechs Monate eine spannende Zeit. Alles fremd um sie herum. Auch inhaltlich. „Ich bin aus dem Nichts heraus in das Projekt gestartet“, erzählt sie und gesteht, noch nie der naturwissenschaftliche Typ gewesen zu sein. Egal. Pehnt, die nicht nur Schriftstellerin ist, sondern auch an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg lehrt, hat nicht lange überlegt, sondern gemacht – und dabei eine universitäre Kultur kennengelernt, von der sie gar nicht wusste, dass sie existiert. Die Begegnungen mit den Neurowissenschaftlern seien entspannt und von gegenseitigem Interesse geprägt gewesen. Sie habe viel gefragt, sei aber auch viel zu ihrer Arbeit befragt worden.

Ob sie immer alles verstanden habe? Nein, gibt Pehnt offen zu. Die Forscherinnen und Forscher seien zwar sehr redegewandt und geübt darin, ihre Arbeit auch Laien wie ihr zugänglich zu machen. Wenn sie ihnen allerdings beim Arbeiten über die Schulter blickte, konnte sie den vielen Datensätzen, die über die Monitore flimmerten, selten folgen. „Unter der Redeoberfläche liegt eine Hardcore-Wissenschaft, die sich nicht erzählen lässt.“

Vom Alltäglichen in die Tiefe

Überrascht hat Pehnt, wie sehr sich die Neurowissenschaftler als Pioniere verstehen. Ein Zuviel an Selbstgewissheit, wie man es bei Spitzenforschern vielleicht erwarten würde, hat sie auf dem Campus jedenfalls nicht erlebt. Man arbeite dort teamorientiert und sei sich der eigenen Grenzen bewusst. Das menschliche Gehirn ist nach wie vor eine Blackbox, aus der die Wissenschaftler immer nur einzelne Bruchstücke hervorkramen können. Zu komplex ist das darin stattfindende neuronale Bewusstseinsfeuerwerk. Sich ins Offene hineinzuarbeiten kommt der Freiburger Autorin bekannt vor. Auch sie beginne, wenn sie schreibe, beim Alltäglichen und grabe dann, um der Persönlichkeit ihrer Figuren näher zu kommen, immer tiefer.

Wie ein Hirnforscher stellt auch sie sich beim Schreiben die Frage nach der menschlichen Identität: Was genau macht Menschen zu dem, was sie sind? „Sense of agency“ nennt die Wissenschaft dieses neuronale Ich-Erleben. „Und das verläuft viel unkoordinierter, als ich bislang angenommen habe“, sagt die Autorin. So betrachtet, wirkt das von biochemischen Prozessen und elektrischen Impulsen konstruierte Ich recht instabil. „Das wiederum deckt sich mit dem instabilen Menschenbild der Postmoderne.“

Seit Pehnt ins Cluster hineingeschnuppert hat, ist das menschliche Gehirn für sie der weltbeste Geschichtenerzähler. „Es produziert permanent die Fiktion einer zusammenhängenden Wirklichkeit.“ Und der Mensch sei Teil davon, gefangen in einem „closed loop“, einem geschlossenen System der eigenen Wahrnehmung. Pehnt findet das faszinierend und gerät ins Schwärmen.

Ins Gehirn verliebt

„Ich habe mich in mein Gehirn verliebt“, stellt sie fest. Das ist auch der Titel ihres noch unveröffentlichten Texts, den sie aus ihren Erfahrungen am Exzellenzcluster zusammenmontiert und im Februar 2917 im Freiburger Literaturbüro vorgestellt hat. Bei einer weiteren Veranstaltung im März interagierte Pehnt mit dem experimentellen Violinisten Harald Kimmig und dem Medienkünstler Ephraim Wegener zu den Signalen eines EEG. Wenn sich das, was im menschlichen Gehirn alles kreuz und quer feuere, überhaupt darstellen lasse, dann künstlerisch, findet Pehnt. Ach ja: Seit Kurzem trägt die Schriftstellerin beim Fahrradfahren einen Helm.

 

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