Mythos „Gedankenlesen“ und das Locked-In Syndrom

Ein Gastbeitrag von Andreas Schönau, Doktrorand bei BrainLinks-BrainTools im Projekt NPAC: A neuro-philo-action compendium:

Letzte Woche machten in den Zeitungen bahnbrechende Meldungen die Runde, nach denen es Neurowissenschaftlern gelungen sei, die Gedanken von Locked-In-Patienten lesen und entschlüsseln zu können. Die Darstellung der Forschungsergebnisse im Fließtext bzw. Video wurde den eigentlichen Erkenntnissen entsprechend adäquat wiedergegeben, doch wurden diese einheitlich mit übertriebenen Überschriften eingeleitet. So fassten die Medien die aktuellen Erkenntnisse mit Titeln wie „Eine Haube, die Gedanken lesen kann“ [1] oder „Diese Haube liest Gedanken“ [2] zusammen.

Doch derartige Überschriften, die „Gedankenlesen“ als den aktuellen Stand der Hirnforschung suggerieren, sind hochproblematisch, da sie 1. den Sachverhalt verzerrt darstellen, 2. falsche Erwartungen bei Patienten, Angehörigen und nicht zuletzt den Lesern wecken sowie 3. Befürchtungen und Ängste gegenüber neurowissenschaftlicher Forschung in Bezug auf Gedankenlesen und einer daran anschließenden, möglichen Gedankenkontrolle forcieren.

Doch der Reihe nach: Beim Locked-In-Syndrome (LIS) handelt es sich um eine degenerative Erkrankung, bei der Betroffene sukzessive ihre Bewegungsfähigkeit verlieren. Ab einem bestimmten Schweregrad können die Patienten nur noch über künstliche Ernährung und Beatmung am Leben erhalten werden. Das letzte Mittel zur Kommunikation mit der Außenwelt stellen meist die Bewegungen der Augen dar, deren Muskelgruppen bis zum Übergang in den Complete-Locked-In-State (CLIS) angesteuert werden können. Betroffene sind im Anschluss Gefangene in ihrem eigenen Körper – jeglicher Bewegung beraubt und doch bei vollem Bewusstsein.

Forscher fragen sich schon lange, was mit den Patienten passiert, wenn sie ihre Bewegungsfähigkeit vollständig verloren haben. Sind sie noch bei Bewusstsein oder, schärfer formuliert, können sie überhaupt noch denken? Anlass zu dieser Frage gab die Erkenntnis von Forschern, denen es bereits 1998 gelungen ist, LIS-Patienten nach 4-6 wöchigem Training über EEG-Signale die Steuerung eines Mauscoursers [3] und nur kurze Zeit später das Buchstabieren von Wörtern [4] zu ermöglichen. Doch keine dieser Kommunikationsmöglichkeiten konnte von Full-Locked-In-, d.h. CLIS-Patienten erlernt werden [5]. Auf Basis dieser Erkenntnis formulierten die Forscher die „Extinction of thought“-Hypothese, nach der das vollständige Fehlen motorischer Kontrolle und Feedback das Verschwinden volitionaler kognitiver Aktivität, zielgerichtetem Denken und der Einbildungskraft zur Folge hat [6]. Aktuelle Erkenntnisse von derselben Forschergruppe scheinen diese These nun zu widerlegen [7].

So ist es den Wissenschaftlern gelungen, durch die Messung des Sauerstoffgehaltes im Blut der als relevant angesehenen Hirnregionen Rückschlüsse darauf ziehen zu können, ob die Patienten eine ihnen gestellte Frage mit „ja“ oder mit „nein“ beantwortet haben. Durch die damit wiederhergestellte, zumindest minimale Form der Kommunikation mit der Außenwelt wird die Annahme gestärkt, dass Betroffene im CLIS entgegen der „Extinction of thought“-Hypothese noch immer bei Bewusstsein sind und zielgerichtet denken können.

Kehren wir nun zu der zu Beginn dargelegten Überlegung zurück, nach der die Überschriften der Medien ein verzerrtes Bild der Forschungsergebnisse darstellen. „Warum“, so könnte man auf diesen Gedankengang antworten, „soll es denn in Anbetracht der Forschungsergebnisse falsch sein, davon zu sprechen, dass die Forscher Gedanken lesen können? Immerhin besteht die Aufgabe medialer Berichterstattung in einer zielgruppengerechten und verständlichen Wiedergabe der Forschungsinhalte.“ Das mag sein, doch wird dieser Anspruch dann problematisch, wenn Inhalte, Vorstellungen oder technische Möglichkeiten als Erwartungen und implizite Versprechen an den Leser herangetragen werden, die Wissenschaftler noch gar nicht einlösen können. Doch trifft das auf den vorliegenden Fall zu? Eine Antwort auf diese Frage finden wir, wenn wir einen Blick auf die impliziten Voraussetzungen werfen, die getroffen werden, wenn man aufgrund der aktuellen Erkenntnisse Gedankenlesen suggeriert.

Zunächst benötigen wir eine klarere Vorstellung davon, was wir eigentlich damit meinen, wenn wir von Gedanken reden; können sie doch in Form von Wünschen und Überzeugungen [8] oder gar Intentionen [9] eine Reihe bewusster sowie unbewusster Inhalte repräsentieren. Verstehen wir Gedanken der Einfachheit halber als diejenigen mentalen Zustände, über die wir bewusst verfügen, dann können wir sie im Rahmen dieser Überlegung als denjenigen innerlich-sprachlichen Monolog identifizieren, mit dem wir durch die Welt gehen und der unter anderem als Grundlage rationaler Überlegungen und der Einleitung von Handlungen dient.

Im Zuge eines solchen Alltagsverständnisses stehen wir aber schon vor dem ersten Problem: Gedanken können immer nur vom denkenden Individuum selbst wahrgenommen und über dessen Sprache oder Bewegungen nach außen getragen werden, da sie aus der unmittelbaren, ersten Perspektive immer nur demjenigen zugänglich sind, der sie gerade erlebt. Als solches stellen sie allerdings nicht den genuinen Untersuchungsgegenstand der Neurowissenschaftler dar. In erster Linie messen diese nämlich aus der dritten Perspektive elektrophysiologische Zustände bzw., wie im Fall der CLIS-Patienten, die Sauerstoffkonzentration in den Blutbahnen beobachteter Hirnregionen. Der unmittelbare Zusammenschluss dieser beiden Untersuchungsgegenstände erweist sich aus einer rein argumentativen Perspektive (d.h. auch ohne jegliche ontologische Positionierung) als außerordentlich problematisch, da er die bedingungslose Akzeptanz der folgenden Prämissen voraussetzt.

  • 1. Eine höhere Sauerstoffkonzentration in den Blutbahnen beobachteter Hirnregionen lässt auf eine höhere Aktivität der untersuchten Hirnareale schließen
  • 2. Eine höhere Aktivität der untersuchten Hirnareale korreliert (oder verursacht/wird verursacht/emergiert in; je nach eingenommener Position innerhalb der Debatte [10]) mit dem Vorhandensein des mentalen Zustands X
  • 3. Eine Maschine ist durch Algorithmen dazu in der Lage, aus der höheren Aktivität der untersuchten Hirnareale zu schließen, über welchen mentalen Zustand X der Patient zum Zeitpunkt der Messung verfügt und kann diesen richtig ausgeben

Schlussfolgerung: Aus einer höheren Sauerstoffkonzentration in den Blutbahnen beobachteter Hirnregionen  können wir Aussagen über den mentalen Zustand X einer untersuchten Person treffen

Was mit der Darstellung dieser meist implizit getroffenen argumentativen Grundlage in aller Kürze umrissen werden soll, ist die Tatsache, dass alle drei Prämissen einzeln bestritten werden können, da es sich an keiner Stelle um notwendige, sondern lediglich um hinreichende Zusammenhänge handelt – wie sich u.a. an der ständig währenden Debatte um das Leib-Seele-Problem [11], der Bewusstseins- [12] sowie Qualia-Problematik [13] und nicht zuletzt Fragen um Willensfreiheit [14] zeigt. All diesen Debatten liegen schwierige methodologische Probleme zugrunde, die nicht ausreichend geklärt sind und noch immer diskutiert werden müssen:

So wird durch Punkt 1 deutlich, dass wir, wenn überhaupt, nur einen höchst indirekten Zugang zu Gedanken haben; können diese doch nicht auf die Art und Weise gelesen werden, wie durch Begriffe wie „Gedankenlesen“ suggeriert wird, sondern lediglich durch indirekte Messmethoden sowie einem darauf aufbauenden, algorithmischen Verfahren erschlossen werden. Punkt 2 wirft u.a. die Frage auf, ob der Neurowissenschaftler mit seiner spezifischen Forschungsfrage nicht bereits die Interpretation der gemessenen Signale festgelegt hat: So haben die Neurowissenschaftler bei CLIS-Patienten explizit nach Ja/Nein-Antworten gesucht und daher auch Ja/Nein-Antworten in den gemessenen Signalen gefunden; hat ihr Experimentaldesign doch eine andere Interpretation gar nicht vorgesehen. Wie sicher können wir also sein, dass die CLIS-Patienten tatsächlich mit „ja“ oder „nein“ antworten können, wenn wir diese Fähigkeit vor dem Beginn des Experiments bereits implizit voraussetzen?

Punkt 3 schließlich hinterfragt, ob, selbst wenn wir 1 und 2 zugestehen, die angenommene Brücke zwischen aktiver Hirnregion und dem dazugehörigen Gedanken tatsächlich durch eine Maschine dekodierbar ist. Und selbst wenn wir dies als unproblematisch ansehen und damit eine ausnahmslos richtige Dekodierung zugestehen, müssen wir weiter fragen, ob wir aufgrund der Fähigkeit, mit Ja/Nein-Antworten auf gestellte Fragen reagieren zu können, auch bereits darauf schließen können, dass CLIS-Patienten im vollen Sinne über zielgerichtete und intentionale Gedanken verfügen (ein Sachverhalt, der in der Veröffentlichung selbst als ein Problemfeld antizipiert und im Rahmen der angerissenen „Extinction of thought“-Hypothese diskutiert wird).

Mit den getroffenen Überlegungen sollen die gewonnen Erkenntnisse der neurowissenschaftlichen Forschergruppe nicht diskreditiert werden; ganz im Gegenteil: Diese Forschung ist enorm wichtig, ja sogar notwendig für das Auffinden empirischer Erkenntnisse über das menschliche Gehirn und das Ziehen weiterer Schlussfolgerungen über Kommunikationsmöglichkeiten von CLIS-Patienten. Doch auch wenn der Erfolg den Forschern auf einer bestimmten Ebene recht gibt, so wirft er letztendlich mehr Fragen auf als durch gegenüberstehende Erwartungen und Hoffnungen tatsächlich eingelöst werden kann; v.a. was den Status von mentalen Zuständen im Verhältnis zu gemessener Hirnaktivität betrifft. Für die Medienlandschaft heißt das, ihre Erwartungshaltung an derartige Forschungen anzupassen und in ihren Überschriften nicht mehr zu versprechen als sie im Fließtext tatsächlich halten können (was, ganz nebenbei gesprochen, der britischen Berichterstattung eher zu gelingen scheint [15])

 

[1]  Zeit Online, „Eine Haube, die Gedanken lesen kann“, http://www.zeit.de/video/2017-02/5306283205001/locked-in-patienten-eine-haube-die-gedanken-lesen-kann, 01-Feb-2017.

[2]  Spiegel Online, „Diese Haube liest Gedanken“, http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/komplette-laehmung-diese-haube-liest-gedanken-a-1132566.html, 01-Feb-2017.

[3]  A. Kuebler u. a., „Self-regulation of slow cortical potentials in completely paralyzed human patients“, Neurosci. Lett., Bd. 252, Nr. 3, S. 171–174, Aug. 1998.

[4]  A. Kübler u. a., „The thought translation device: a neurophysiological approach to communication in total motor paralysis“, Exp. Brain Res., Bd. 124, Nr. 2, S. 223–232, Jan. 1999.

[5]  N. Birbaumer und P. Sauseng, „Brain-Computer Interface in Neurohabilitation“, in Brain-computer interfaces: revolutionizing human-computer interaction, B. Graimann, B. Allison, und G. Pfurtscheller, Hrsg. Heidelberg: Springer, 2010, S. 155–170.

[6]  A. Kübler und N. Birbaumer, „Brain–computer interfaces and communication in paralysis: Extinction of goal directed thinking in completely paralysed patients?“, Clin. Neurophysiol., Bd. 119, Nr. 11, S. 2658–2666, Nov. 2008.

[7]  U. Chaudhary, B. Xia, S. Silvoni, L. G. Cohen, und N. Birbaumer, „Brain–Computer Interface–Based Communication in the Completely Locked-In State“, PLOS Biol., Bd. 15, Nr. 1, S. e1002593, Jan. 2017.

[8]  D. Davidson, „Actions, reasons, and causes“, J. Philos., Bd. 60, Nr. 23, S. 685–700, 1963.

[9]  M. Bratman, Intention, plans, and practical reason. Cambridge, Mass: Harvard University Press, 1987.

[10]     G. Keil, Willensfreiheit und Determinismus, Orig.-Ausg. Stuttgart: Reclam, 2009.

[11]     A. Beckermann, Das Leib-Seele-Problem: Eine Einführung in die Philosophie des Geistes. Paderborn: Fink, 2008.

[12]     P. D. Zelazo, M. Moscovitch, und E. Thompson, Hrsg., The Cambridge handbook of consciousness. Cambridge ; New York: Cambridge University Press, 2007.

[13]     T. Nagel, „What Is It Like to Be a Bat?“, Philos. Rev., Bd. 83, Nr. 4, S. 435, Okt. 1974.

[14]     R. Kane, Hrsg., The Oxford Handbook of free will. Oxford ; New York: Oxford University Press, 2002.

[15]     The Guardian, „Groundbreaking system allows locked-in syndrome patients to communicate“, https://www.theguardian.com/science/2017/jan/31/groundbreaking-system-allows-locked-in-syndrome-patients-to-communicate-als, 31-Jan-2017.

Unter diesem Link finden Sie auch ein Video zu einem Science Jam, dass sich mit dem Thema Gedankenlesen und überinterpretation von Gehirndaten befasst hat.

Bild: Mathilde Bessert-Nettelbeck

 

 

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One thought on “Mythos „Gedankenlesen“ und das Locked-In Syndrom

  1. Danke für diese Einschätzungen!
    Nur kann ich nicht nicht bestätigen, dass die angelsächsische Presse in geringerem Ausmass Effekthascherei betreibt…. (mit wenigen Ausnahmen.)

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