Störung Revisited #3

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Für unsere vorerst letzte Ausgabe der Reihe “Störung Revisited” (hier geht’s zu #1 und #2) haben wir den Philosophen Dr. Oliver Müller befragt. Er lehrt als Privatdozent am Philosophischen Seminar der Uni Freiburg, leitet das BrainLinks-BrainTools-Projekt Reaching Out und ist einer der Hauptinitiatoren von Störung.

 

Herr Dr. Müller, was führt Sie als Philosoph zu dem Tanzprojekt Störung?

Zum einen die lange Tradition, die ich in der Zusammenarbeit mit dem Theater Freiburg habe. Wir haben bereits auf verschiedene Weise versucht, mithilfe von Künstlern einen neuen, ungewöhnlichen Blick auf Phänomene zu werfen, die durch moderne Biotechnologien hervorgerufen werden. Moderne Biotechnologien greifen nicht nur in das Leben von Patienten ein, sondern ändern unsere Lebensweise, bieten sogar immer mehr Möglichkeiten, uns selbst als Gesunde zu transformieren. Dabei werden viele Fragen aufgeworfen, die wir als Gesellschaft diskutieren müssen – und das Theater bietet uns die Bühne dazu. Ich sehe Tanz in unserem Fall als eine besonders gute Weise, einen Zugang zur subjektiven Wahrnehmung von Bewegungsstörungen und damit zur Identität von Personen zu finden. Während die Wissenschaftler in BrainLinks-BrainTools mit objektiven Methoden Bewegungsstörungen erklären, um dann Therapieformen zu entwickeln, können die Tänzer die subjektive Sphäre ausloten. Beide Perspektiven gehören zusammen, auch wenn sie sich oftmals auszuschließen scheinen. Und genau dieses Spannungsfeld interessiert mich als Philosoph.

 

Im Zentrum des Projekts standen die Tanzstunden für Parkinson-Patienten. Sie selbst haben auch daran teilgenommen. Was war ihre persönliche Erfahrung?

Für mich war es eher eine Art teilnehmender Beobachtung. Ich fand es extrem faszinierend, dass wir diese so verschiedenen Gruppen zusammengebracht haben: Auf der einen Seite Menschen mit Parkinson und auf der anderen Seite professionelle Tänzer, die als Experten für Bewegung im Laufe des Projekts gelernt haben, sich in die Welt der Patienten einzufühlen. Gleichzeitig wollten wir diese Expertise der Tänzer mit der wissenschaftlichen Arbeit von Doktorandinnen und Doktoranden des Exzellenzclusters BrainLinks-BrainTools, als dritte Gruppe, in Verbindung bringen. Gemeinsam wurde darüber nachgedacht, was es bedeuten könnte, wenn man eine Bewegung nicht so ausführen kann, wie man es will, was es bedeutet, einer fehlenden Impulskontrolle zu unterliegen, oder wie das für Parkinson typische Zittern durch den Tanz beeinflusst wird. Oft werden zuvor eingeschränkte Bewegungen durch den Tanz wieder flüssiger, sogar freier, wenn man das so sagen kann. Und dies mit wissenschaftlichen Methoden zu erklären, ist nicht einfach. Darüber hinaus habe ich wahrgenommen, dass wir uns auch der Parkinsonschen Krankheit vielschichtiger nähern konnten. Zum Beispiel konnten wir uns immer präziser darüber austauschen, wie man die Krankheit wahrnimmt, was in der Interaktion passiert, wie sich nicht-verbale Formen von Verstehen entwickeln. Das alles beobachten zu dürfen war äußerst spannend für mich.

 

Die meisten Parkinson-Patienten berichten darüber, dass ihnen die Teilnahme sehr gut getan hat und sie sich wohler fühlen in ihrem Körper. Wie erklären Sie sich das?

Das ist auch philosophisch eine spannende Frage, weil es phänomenal, aus der Lebenswelt der Patienten heraus tatsächlich so ist, dass sie sich besser fühlen. Das soziale Miteinander, der Rhythmus, die Tanzbewegungen scheinen dazu beizutragen, die Symptome der Krankheit zu lindern. Wir überlegen daher gerade, ob wir wir ein interdisziplinäres Projekt aufziehen können, mit dem wir die subjektiv spürbare Dimension auch mit wissenschaftlichen Mitteln erklären lernen können. In Zukunft wäre es natürlich zu wünschen, dass die Krankenkassen Tanzklassen dieser Art als Therapieform akzeptieren, so dass es auf die Dauer für viel mehr Parkinson-Patienten eine Chance gibt, Ihre Lebensqualität ein wenig zu verbessern.

 

Haben Sie schon Ideen, wie das Projekt fortgeführt werden könnte?

Ich glaube, dass alle Beteiligten es noch in sich wirken lassen, vielleicht noch das ein oder andere Gespräch suchen. Wir haben erst einmal versucht, die Tanzklassen in ihrer bisherigen Form fortzusetzen. Das ist natürlich auch schlicht eine Frage der Mittel, die nun auslaufen. Die Theaterleute können natürlich schauen, wie sie sich in der internationalen Tanzszene in punkto Parkinson weiter vernetzen. Wir von der wissenschaftlichen Seite versuchen gerade ein Projekt mit unseren israelischen Partnern auf die Beine zu stellen, in dem wir die Thematik noch weiter vertiefen. Wir planen gerade ein experimentelles „Science and Art Lab“ zu installieren, in dem wir versuchen wollen, wissenschaftliche und künstlerische Expertisen auf einer neuen Ebene zusammenzubringen. Wenn uns das gelingt, könnte ich mir vorstellen, dass wir mit dem „Science and Art Lab“ auch andere Fragestellungen mit anderen Partnern bearbeiten könnten, um dazu beizutragen, dass die wissenschaftliche Arbeit durch die Auseinandersetzung mit ganz anderen Perspektiven und Methoden bereichert werden kann. Zudem wollen wir in einem Science and Art Lab auch gesellschaftliche und ethische Fragen reflektieren. Und das würde perfekt zum Ansatz unserer Outreach-Aktivitäten in BrainLinks-BrainTools passen.

 

Interview & Foto: Levin Sottru

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