Störung Revisited #2

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Nach der letzten Ausgabe mit Prof. Dr. Schulze-Bonhage folgt nun das Interview mit einer Wissenschaftlerin, die “Störung” sowohl in ihrer israelischen Heimat als auch bei ihrem Besuch in Deutschland begleitet hat: Dr. Shelly Levy-Tzedek, Leiterin des “Cognition, Aging and Rehabilitation Lab”am Physical Therapy Department der Ben Gurion Universität in Beerscheba, Israel.

 

Frau Dr. Levy-Tzedek, was führt Sie als Ingenieurin für Medizintechnik zu dem Tanzprojekt Störung?

Ich forsche seit mehr als einem Jahrzehnt zu Bewegung und zu Bewegungsveränderungen im Alter und durch Krankheit. Vor allem interessiere ich mich für neue Therapieformen mit deren Hilfe Parkinsonsymptome gelindert werden können. Tanz ist eine dieser Möglichkeiten. Aus dem Projekt gingen die verschiedensten Anreize hervor, Tanzbewegungen in meine Forschungsarbeit mit Parkinsonpatienten zu integrieren. Ich finde die Effekte von Tanz total faszinierend.

Im Zentrum des Projekts standen die Tanzstunden für Parkinson-Patienten. Sie selbst haben auch daran teilgenommen. Was war ihre persönliche Erfahrung?

Es kann sehr befreiend sein, sich mit anderen Menschen über Bewegung zu verbinden, sich durch seinen Körper auszudrücken, ihn neu zu entdecken. Es war außerdem sehr hilfreich, die Effekte des Tanzens auf Parkinsonpatienten live mitzuerleben. Ich habe viel mitgenommen und hoffe, es in Zukunft privat wie auch wissenschaftlich nutzen zu können.

Die meisten Parkinson-Patienten berichten darüber, dass ihnen die Teilnahme sehr gut getan hat und sie sich wohler fühlen in ihrem Körper. Wie erklären Sie sich das?

Neurowissenschaftler haben einige Hypothesen darüber entwickelt, was passiert, wenn Menschen im allgemeinen und im besonderen Parkinsonpatienten tanzen. Eine Hypothese ist, dass die Basalganglien – der Bereich der am meisten von Parkinson betroffen ist, durch das Hören eines Rhythmus stimuliert wird. Ein Bereich, der langsam durch die Krankheit abstirbt, kann so neu aktiviert werden. Daneben machen wir uns das sogenannte „cueing“ zunutze: Ein Tänzer, der uns führt, ein Rhythmus oder genauso ein Metronom können Parkinson-Patienten anregen, die für sie normalerweise schwierigen Bewegungen auszuprobieren. Wir dürfen nicht vergessen, dass Tanz auch Bewegungswiederholung bedeutet, was meist besonders schwierig für Parkinsonpatienten ist. Beim Tanzen wiederholt werden zum Beispiel Rückwärtsbewegungen, Drehungen, Pausieren, der Beginn einer neuen Bewegung oder die Bewegungskoordination an sich. All diese Dinge, die beim Tanzen üblich sind, können Parkinson-Patienten im Alltag helfen. Daneben sollten wir den sozialen Aspekt nicht ignorieren. Durch ein soziales Netzwerk, das in den Tanzstunden entsteht, verbessern wir ihre Lebensqualität ebenfalls.

Haben Sie schon Ideen, wie das Projekt fortgeführt werden könnte?

„Störung“ hat mich wissenschaftlich inspiriert und ganz spezifische Fragen aufgeworfen, die ich in meiner Forschung gerne weiter verfolgen würde. Wir versuchen bereits, mehr Tanzgruppen in Israel zu initiieren, beispielsweise im Krankenhaus neben der Ben Gurion Universität. Ich möchte dem Projekt zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen und hoffe, dass sich die Anzahl der Patienten, die von dieser Therapieform profitieren dürfen, schon bald erhöht. Darüber hinaus haben Nachwuchswissenschaftler in Israel und Deutschland neue Forschungsansätze gelernt, beispielsweise im Hinblick darauf, wie „Forschungsobjekte“ in die Formulierung von wissenschaftlichen Fragestellungen integriert werden können. Dies hat, denke ich, weitreichendere Implikationen als wir zurzeit definieren können. Wir müssten diese Frage in fünf Jahren erneut stellen, um zu sehen, wo jeder steht und was das Projekt bewirkt hat. Es wäre auch schön, weitere Kooperationen zwischen Deutschland und Israel zu sehen. Gruppen aus verschiedenen Ländern kommen zusammen, arbeiten parallel und vergleichen dann ihre Ergebnisse. Das war ein fantastischer Aspekt des Projekts. Für mich war es ein Vergnügen und Privileg, Teil des Projekts zu sein. Ich hoffe, es wird in Zukunft weitere solche Möglichkeiten geben.

 

Interview & Foto: Levin Sottru

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