Störung Revisited #1

Bildschirmfoto 2016-04-25 um 14.54.03

Vier Fragen, drei Wissenschaftler, ein Projekt: Blog-Autor Levin Sottru traf sich mit einem Mediziner, einer Ingenieurin und einem Philosophen, um über das deutsch-israelische Tanzprojekt Störung/Hafraah und seine Nachwirkungen zu sprechen. Was dabei herauskam, erfahrt ihr immer donnerstags. Den Anfang macht das Interview mit Prof. Dr. Andreas Schulze-Bonhage, dem Leiter des Epilepsiezentrums am Universitätsklinikum Freiburg, der das Projekt als teilnehmender Beobachter über längere Zeit begleitet hat.

Herr Professor Schulze-Bonhage, was führt Sie als Arzt zu dem Tanzprojekt Störung?

Das Projekt fasziniert mich, weil es so interdisziplinär ist und über die Expertise von Tänzern im Bereich Bewegung einen klassisch-naturwissenschaftlichen mit einem ganz praktischen Zugang verbindet. Daraus können wiederum neue Ideen und Fragestellungen für die Wissenschaft hervorgehen. Am Epilepsiezentrum sind wir zwar nicht primär in die Behandlung von Parkinsonpatienten involviert, aber wir berücksichtigen Bewegungsstörungen in unserer Forschung. Verschiedene Untersuchungen, die wir durchführen, können Informationen darüber liefern, wie das Gehirn funktioniert. Beispielsweise zeichnen wir häufig die bioelektrische Aktivitität direkt vom Gehirn auf. Projekte, die sich speziell mit Brain-Computer-Interfaces befassen, sind ein wesentlicher Bestandteil des Exzellenzclusters BrainLinks-BrainTools.

Im Zentrum des Projekts standen die Tanzstunden für Parkinson-Patienten. Sie selbst haben auch daran teilgenommen. Was war ihre persönliche Erfahrung?

Es ist spannend zu sehen, wie sich unter Anleitung von Tänzern und durch die Interaktion mit ihnen in kurzer Zeit das Körpergefühl und die Wahrnehmung für das, was andere Personen tun, verändern. Scheinbar nimmt die Interaktion mit einer anderen Person Einfluss auf meine Bewegungsmuster und moduliert die Erfahrung meines eigenen Körpers. Hier tun sich therapeutische Zugangswege auf, die in der Medizin bisher nicht genügend beachtet oder nur unvollständig verstanden werden. Vielleicht lassen sich Schaltkreise, die bei Parkinson-Patienten gestört sind, anders beeinflussen, als wir es von unserer sehr direkten Zugangsweise gewohnt sind. Welche neuronalen Schaltkreise aktiviert werden, wenn wir von einer anderen Person Bewegungen übernehmen, ist eine andere Frage. Das Phänomen und seine Korrelate sind für die Grundlagenforschung sicher ein sehr spannender Gegenstand. In einem der Vorträge auf der Konferenz wurde ja bereits das System der Spiegelneuronen angesprochen, die hier eine wesentliche Rolle spielen können.

Die meisten Parkinson-Patienten berichten darüber, dass ihnen die Teilnahme sehr gut getan hat und sie sich wohler fühlen in ihrem Körper. Wie erklären Sie sich das?

Zu lernen, sich freier zu bewegen, weniger Ängste zu haben, neue Bewegungen auszuprobieren, mehr Kontrolle über den Körper zu erlangen – all das trägt dazu bei, dass die Parkinsonpatienten sicherer auftreten und sich besser fühlen. Die psychosoziale Komponente dieser Krankheit ist nicht unerheblich. Viele Patienten ziehen sich zurück, weil sie sich schämen, mit der Bewegungsstörung in der Öffentlichkeit als Parkinsonkranker erkannt zu werden. Ein zweiter Aspekt sind die Mechanismen, die das Gehirn durch das Imitieren und Modulieren von Bewegungen, die Nutzung von Rhythmen und Melodien in spezifischer Weise aktivieren. Was hier genau passiert, muss aber noch weiter erschlossen werden.

Haben Sie schon Ideen, wie das Projekt fortgeführt werden könnte?

Wir haben hier vor Ort mit Wissenschaftlern aus Deutschland, England und Israel intensive Gespräche geführt. Etwa darüber, inwieweit wir Daten aus diesem Pilotprojekt quantifizieren, entsprechende Studienprotokolle aufsetzen und Patienten zur Verfügung stellen würden. Im Idealfall könnten wir damit die Anerkennung neuer Behandlungsmöglichkeiten im Sinne von Leistungen der Versicherungsträger erreichen. Daneben entstehen aus den Anregungen dieser Konferenz weitere grundlagenwissenschaftliche Projekte. Zum Beispiel war hier ein Poster zu einem sehr spannenden fMRI Projekt zu sehen, das die Abteilung für Stereotaktische Neurochirurgie am Universitätsklinikum Freiburg durchführen wird. Genauso wird sich zeigen, was Wissenschaftler aus den Bereichen Psychologie, Robotik und Medizin zusammen mit Tänzern noch gemeinsam veranstalten können. Projektanträge für weitere interaktionelle, interdisziplinäre Projekte dieser Art werden momentan bereits formuliert.

Herr Professor Schulze-Bonhage, vielen Dank für das Gespräch.

[Foto: BrainLinks-BrainTools]

Advertisements

2 thoughts on “Störung Revisited #1

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s